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“Meine Freunde, wir haben heute ein neues Schäfchen unter uns.” Torben war Anfang Mitte Dreißig und sah um Welten schlimmer aus, als ich mir den Therapeuten einer Selbsthilfegruppe in meinen fiesesten Albträumen vorgestellt hatte. Das Rot seiner langen, fettigen Haare, die er sich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, biss sich mit dem Lila seines ausgewaschenen Vliespullis, der seinen spargeldürren Körper wie ein Betttuch umflatterte. Die Schultern hingen fast unter dem Bauchnabel und der Hals war so weit nach vorne gestreckt, dass ich unweigerlich an einen Geier denken musste. Kurzum: Als guter Bürger hatte man schon fast die Pflicht, so eine Gestalt auszulachen und im Sportunterricht ganz zu Letzt oder gar überhaupt nicht zu wählen. Doch jetzt war ich auf seinem Terrain, dem Sitzungsraum der Volkshochschule Zwockelhausen und hier musste ich nach seinen Regeln spielen. Freiwillig war ich schließlich nicht hier.
Um mich herum saßen in einem Stuhlkreis neun andere „Patienten“ und betrachteten mich neugierig. „Willst du dich nicht mal vorstellen?“Torben stupste mich mit seinem Ellbogen in die Seite. Es war die nervige Art Stupser, die kumpelhaft gemeint war, das Gegenüber aber dazu brachte, Gewalt in Erwägung zu ziehen. Ich warf dem Psycho einen stechenden Blick zu, der so viel bedeuten sollte wie: „Lass bloß deine Griffel von mir“, aber Torben’s aufmunterndes Grinsen blieb unverändert breit. Der Richter kam mir wieder in den Sinn, der ziemlich überzeugend mit Stubenarrest, Stockhieben und Fernsehverbot gedroht hatte, falls ich die Selbsthilfe vorzeitig abbrechen sollte oder mich nicht kooperativ zeigte. Und wenn der Lilalaunebär hier neben mir heulend zu meinem Bewährungshelfer rennen würde, weil ich ihm die Kauleiste gerade gerückt hatte, dann würde der Richter das bestimmt nicht als Akt der Kooperation ansehen. Also atmete ich tief durch, zählte langsam von zehn runter und beschloss, dass später immer noch genug Zeit sein würde, dem rotschopfigen Vollpfosten meine tiefe Zuneigung zu zeigen. „Ja äh“, begann ich viel versprechend, “Hallo, ich heiße Tim.“ Und unisono ertönten die anderen aus der Gruppe in einem monotonen Chor „Hallo Tim!“ Irre, das war ja wie im Fernseher, dachte ich mir und konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. „Also, ich bin hier, weil ich im vergangenen Monat Mist gebaut habe.“ Gerade wollte ich loslegen, von dem einen Abend im März zu erzählen, an dem ich, genervt von Gott, der Welt und vor allem von meiner Freundin, in diese Bar kam, zwei, drei Whiskey trank und dann auf ihn traf. Da fiel mir Torben ins Wort. „Du musst dich nicht schämen, Tim. Wir alle haben unsere Schuld zu tragen und keiner hier in diesem Raum wird dich verurteilen, für das, was du getan hast.“ Zustimmendes Nicken und vereinzelte „Ja, genau“-Rufe kamen aus der Runde. „Aber nein, ihr versteht mich auch falsch“, fuhr ich ruhig fort und wollte mich erklären. „Ich schäme mich ja kein Stück, und bereuen.., naja, der Kerl in der Bar war einfach ein Arschloch…“ wieder unterbrach mich der Therapeut. „Nein nein nein neeiiiin, so reden wir hier nicht, mein Freund.“ Etwas verwirrt starrte ich Torben an. „Du musst deine Wut unter Kontrolle halten, wenn du willst, dass deine Seele heilen kann.“ Ich begann wieder von zehn runter zu zählen…
(to be continued…)
7 Kommentare bis jetzt
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Josch, ich muss sagen, du bringst mich immer wieder dazu zu denken: Der Josch hat endlich das gefunden wofür er geboren wurde!
Liebe Grüße und bis nachher!
Kommentar von DieKleine Mai 8, 2009 @ 2:51 pmDieKleine
Also liebe Kleine, bitte keine Namen;) Aber danke für das Kompliment. Sollte das überhaupt ein Kompliment sein? Könnte ja auch heißen, dass ich zwar total unfähig bin, aber trotzdem wenigstens Spaß daran zu haben scheine. Egal, trotzdem danke;)
Kommentar von unterbelichtet Mai 8, 2009 @ 10:45 pmHmmm, da frag ich mich, was will der Autor mir damit sagen?
Kommentar von Li-La-Launebär Mai 9, 2009 @ 1:30 pmIch heiß doch gar nicht Torben!?
Die Idee find ich aber gut, da kann man viel rausholen…
Freu mich schon auf die Fortsetzung
Welche Idee findest du gut? Die Serien-Idee oder die Selbsthilfegruppe?
Der Autor nimmt übrigens auch Leservorschläge entgegen. Welche Personen sitzen noch in dem Kreis? Was haben die erlebt? Wird Tim Torben noch die ***** polieren? Was ist an dem einen Abend im März passiert? Fragen über Fragen…
Beste Grüße
der Autor
Kommentar von unterbelichtet Mai 10, 2009 @ 11:21 amOch aus so nem Selbsthilfegruppe-Thema kann man einiges rausholen. Die Einführung neuer Charaktere fällt doch leicht.
Kommentar von Li-La-Launebär Mai 13, 2009 @ 10:36 amWas ist zum Bespiel mit dieser Myriam, die seit Jahren in einem Keller wohnt, freiwillig, weil sie der Meinung ist, die Sonne spreche mit ihr. Und die Hilfe sucht, weil sie diese ekelhaft schrille Stimme nicht erträgt. Deshalb hat sie den Jahresvorrat von Barium eines Chemiekonzern aufgekauft, festentschlossen, dieses in Richtung Sonne zu schießen, damit die Stimme nicht mehr ganz so schrill ist.
@ Li-La-La: Oh ja, Myriam hätte ich fast vergessen. Schreibe grad an der Fortsetzung. In dieser Selbsthilfegruppe hüpfen schon ein paar Freaks rum. Hoffentlich ufert das nicht aus. he he.
Kommentar von unterbelichtet Mai 14, 2009 @ 3:51 pmBeste grüße
der Autor
[...] schon bei einigen meiner früheren Texte (Die Porno-Telenovela oder Der eine Abend im März) soll auch „Tod im Schrebergarten – Szenen einer Ehe“ der Auftakt zu einer [...]
Pingback von Willkommen zurück « ueberbelichtet September 6, 2011 @ 1:17 pm